Endogene Retroviren
Aktualisiert: 11. Okt.
Der folgende Artikel gibt den im „Studium Integrale Journal“ (33. Jahrgang ┃ Heft 1; Mai 2026) erschienenen Artikel „Endogene Retroviren - Evolutionäre Narben oder konzipiert für eine bestimmte Funktion?“ von Natanaël Buijink wieder. Zitate ohne weitere Quellenangabe stammen direkt aus dem erwähnten Originalartikel.
Einleitung: Mit Endogenen Retroviren (ERVs) werden DNA-Abschnitte bezeichnet, die RNA-Viren ähnlich sind. Aus evolutionstheoretischer Sicht stellen sie gewöhnlich Reste von Junk-DNA dar, Schöpfungswissenschaftler erwarten dagegen eine Funktion dieser Sequenzen. Der folgende Artikel legt den aktuellen Kenntnisstand bezüglich ERVs dar und welche Bedeutung dies für Ursprungsmodelle hat.
Die Vorstellungen über den Ursprung des menschlichen Erbgutes von Schöpfungs- und Evolutionslehre könnten kaum unterschiedlicher sein. Gemäß Schöpfungsmodell schuf Gott Grundtypen mit einem vollständigen funktionsfähigen Erbgut inklusive einer programmierten Variationsfähigkeit. Aus Evolutionsperspektive lässt sich das Erbgut dagegen völlig durch natürliche Ereignisse erklären.
Folglich fordern Nachweise komplexen biologischen Designs die Evolutionslehre heraus. Auf der anderen Seite können DNA-Abschnitte, die augenscheinlich aus Transposition, Duplikation o. ä. resultiert sind, Fragen an die Schöpfungslehre aufwerfen. Das gilt vor allem, wenn dieselben Abschnitte in unseren evolutionstheoretisch nächsten Verwandten, den Primaten, bzw. Schimpansen, vorgefunden werden.
"Transposition" bezeichnet die Positionsveränderung mobiler DNA-Sequenzen (Transposons), im Erbgut. Sie sollen ebenfalls Überreste von Viren sein. "Duplikationen" bezeichnet Verdopplungen von DNA-Abschnitten.
"Paradoxerweise weist das Genom sowohl Merkmale eines ursprünglichen Designs als auch einer komplexen Geschichte auf, wie im Folgenden gezeigt wird."
Endogene Retroviren
Endogene Retroviren erwecken den Eindruck durch "Copy & Paste" - Vorgänge entstanden zu sein, statt durch ursprüngliches Design. Diese DNA-Bereiche ähneln DNA-Abschnitten infektiöser Retroviren. Das Erbgut normaler (exogener) Retroviren besteht aus RNA, statt DNA. Dazu gehört bspw. das HIV-Virus. Sie müssen ihr RNA-Genom mithilfe einer molekularen "Übersetzungsmaschine" (das Reverse Transkriptase Enzym) in DNA umschreiben, damit diese dann in die DNA der Wirtszelle integriert werden kann.
ERVs verfügen nun ebenfalls über ein Gen, welches den Bauplan für ein Enzym, das RNA des Virus in DNA umschreibt, enthält. Darüber hinaus codiert es für ein weiteres Enzym, welches letztere in das Erbgut der Wirtszelle einfügt. Werden intakte ERVs also als RNA-Sequenzen abgeschrieben, können sie sich selbst kopieren und im Genom einbauen.
Es werden zwar viele ERVs in RNA umgeschrieben, doch aktuell ist so gut wie kein menschliches ERV fähig diese wieder in DNA umzuschreiben und ins Wirtserbgut zu integrieren (vgl. Belshaw & Tristem 2009). "Die Interpretation aus evolutionärer Perspektive besagt, dass Mutationen in der Vergangenheit die Funktion der Integration des Virenerbgutes in das Wirtsgenom beeinträchtigt haben sollen."
Acht Prozent des menschlichen Erbgutes werden als ERV-Elemente klassifiziert, das sind etwa 750.000 Elemente und das Vierfache der für Proteine codierenden Gene (vgl. Brattås et al. 2017). Endogene Retroviren werden in Familien unterteilt, die aus dutzenden bis tausenden Mitgliedern bestehen können. Bei Menschen und Menschenaffen liegt der Großteil der ERVs an den gleichen Stellen im Erbgut, was als Resultat gemeinsamer Abstammung gedeutet wird.
Aufgrund dieser Beobachtungen schlagen Evolutionsvertreter folgende Reihenfolge von Ereignissen vor: Im Verlauf der Millionen Jahre hätten sich unsere hypothetischen Vorfahren oft mit Retroviren infiziert, die sich gelegentlich in die Geschlechtszellen eingebaut hätten. Dadurch wären diese Sequenzen dann vererbbar geworden.
Kurz gesagt: Die Erbinformation von Retroviren wurde in Wirtsgenome eingefügt. Von da an hätten sich einige nun Endogene Retroviren vervielfältigt und an andere Stellen im Erbgut kopiert, bis diese Fähigkeit durch Mutationen verloren ging. So seien die heutigen ERV-Familien entstanden und dementsprechend ließe sich jede Familie auf ein ERV zurückführen.
Dieses Modell wird durch die Existenz von long terminal repeats (LTRs) und target site duplications (TSDs = Zielortduplikationen) bestätigt. TSDs sind etwa 6 "Buchstaben" lange Sequenzen, die an beiden Enden eines ERV identisch sind. Diese Sequenzen befinden sich an den Enden vieler ERVs, was bekanntermaßen ein Ergebnis von Integrationsereignissen ist und daher stark für die Vorstellung spricht, dass sie nicht an dieser Stelle im Erbgut geschaffen wurden.
ERVs sind daher durchaus eine Herausforderung für das Schöpfungsmodell. Grundsätzlich sind zwei Erklärungsansätze denkbar:
ERVs könnten nachträglich vom Schöpfer ins Erbgut von Menschen und Tieren eingefügt worden sein. Dann wäre jedoch schwer verständlich, warum es so viele ERVs gibt und weshalb alle Menschenaffen sehr ähnliche ERVs an denselben Stellen wie Menschen haben (z.B. Grandi et al. 2018).
Oder sie sind Teil der ursprünglichen Schöpfung, dann stellt sich jedoch die Frage nach ihrer Funktion, "warum sie exogenen Retroviren ähneln" und weshalb sie Spuren von nachträglicher Integration enthalten.
Die Suche nach Funktionen von ERVs sollte also für Schöpfungswissenschaftler wichtig sein.
Evolutionäre Modelle sagen eine sehr begrenzte Funktionalität von ERVs voraus
Der Erfolg einer wissenschaftlichen Theorie bemisst sich daran, ob sie Beobachtungen korrekt vorhersagen und die Forschung in diese Richtung lenken kann, statt sie nur im Nachhinein zu erklären.
Die Evolutionslehre stellt weder die Erwartung auf, dass der Großteil des Erbgutes funktional ist, noch regt sie zu Forschung in diesem Gebiet an (bis auf einige spezifische Fälle). "Dies folgt sowohl aus den zentralen Grundsätzen der Theorie als auch aus den spezifischen Untertheorien, die innerhalb der Evolutionsbiologie an Bedeutung gewonnen haben."
Naturalismus
Die Evolutionslehre ist eine Deutung der Naturgeschichte auf Basis des Naturalismus, welcher von einer rein natürlichen Entwicklung des Lebens ausgeht. Daher ist auch die Existenz höherer Lebensformen evolutionstheoretisch keine Selbstverständlichkeit. Höhere / komplexere Lebewesen stellen somit einen (überraschenden) empirischen (erfahrungsbasierten) Fakt dar, der erklärungsbedürftig ist.
Je komplexer ein Lebewesen ist, desto schwieriger wird eine rein mechanistische / evolutionäre Erklärung. Da Funktionalität im Evolutionsmodell nicht vorausgesetzt wird, wenn sie für die Erklärung der beobachteten Komplexität nicht erforderlich erscheint, wurde auch die Funktionslosigkeit von ERVs häufig implizit angenommen. In dem Sinn hielt Ernst Haeckel - der bedeutendste frühe Verfechter der Evolutionstheorie - einzellige Bakterien für "halbflüssige Eiweißklumpen", die aufgrund ihrer Einfachheit mehrfach entstanden sein könnten (Haeckel 1876, S. 330+353).
Weitere Forschung ergab dagegen, dass selbst die einfachsten Bakterien sehr komplex sind. Selbst die künstlich verkleinerte Minimalzelle JCVI-syn3B benötigt 531.000 Basenpaare und 473 Gene zum Teilen (Borger 2021; 2023a).
John Avise formulierte in etwas jüngerer Vergangenheit die Erwartung, dass Erbgutfehler im Menschen "unvermeidbare evolutionäre Nebenprodukte unempfindlicher Naturkräfte" (Avise 2010, S. 156) seien (Stichwort "Junk-DNA") und liefert damit ein neueres Beispiel dafür, "dass ein streng mechanistischer Prozess die Erwartung der Nichtfunktionalität begünstigt".
Abstammung mit Modifikation
Die Formulierung „Abstammung mit Modifikation“ stammt von Charles Darwin und bezeichnet die Vorstellung, dass Lebewesen abgewandelte Kopien ihrer Vorfahren sind. Diese Annahme begünstigt die Erwartung, dass biologische Strukturen und Gene ihre Funktion verlieren können. In dem Sinn sah Darwin in rudimentären und scheinbar funktionslosen Organen sogar eine vorhersehbare Folge der Abstammung mit Modifikation (Darwin 1859, S. 455f).
Das Argument ist auch auf den genetischen Bereich anwendbar. In Anbetracht der angenommenen evolutionären Vergangenheit seien z.B. rudimentäre (funktionslose) Gene zu erwarten (Coyne 2010, S. 66ff).
Neutrale Evolution
In der Evolutionsbiologie stehen sich vor allem Selektionismus und Neutralismus gegenüber. Im Selektionismus wird die Bedeutung der natürlichen Selektion für die Entwicklung ausgeprägter und genetischer Merkmale fokussiert, im Neutralismus hingegen wird der Beitrag neutraler Mutationen, die weder einen positiven noch einen negativen Einfluss auf Überleben und Fortpflanzung haben, betont. Beide Ansichten haben dazu geführt, dass Evolutionsvertreter von der überwiegenden Funktionslosigkeit von ERVs ausgehen.
Dies ist am besten am Neutralismus erkennbar. Vertreter der neutralen Evolution argumentierten, dass die Mutationsrate so hoch sei, dass die Selektion nicht alle nachteiligen Mutationen entfernen könne (Kimura 1968).
Folglich würden sich schädliche Mutationen anhäufen und schließlich zu einer untragbaren Bürde werden. Um aber dennoch das langfristige Überleben der Säugetierarten erklären zu können, nehmen Naturalisten an die meisten Mutationen würden sich weder positiv, noch negativ auswirken. Der Gedanke dahinter lautet, dass der Großteil des Erbgutes nicht relevant für das Überleben des Lebewesens und daher unempfindlich gegenüber Mutationen sei (Otha & Kimura 1971).
Vertreter des Neutralismus schlussfolgerten deshalb, dass ein Großteil des Erbgutes nicht funktionell sei. Ein weiteres Argument dafür kommt von der Gen-Duplikationstheorie von Susumu Ohno (Ohno et al. 1968). ). Er war der Ansicht, dass verdoppelte Gene viel wahrscheinlicher zu funktionslosen Nonsense-Sequenzen degenerieren, als neue Aufgaben zu übernehmen. Darum sollte das Erbgut voll von sogenannten "Fossilien" verdoppelter Gene sein.
Ohno (1972) schlussfolgerte, dass wahrscheinlich über 90% des Erbgutes funktionslos seien. Folgt man dieser Sicht, wären mit hoher Wahrscheinlichkeit auch die meisten ERVs "Schrott".
Selektion für parasitäre Sequenzen
Natürliche Selektion soll im Allgemeinen eigentlich das Gegenteil - die Entstehung funktionaler Merkmale - erklären. Selektion wirkt sich allerdings nicht nur auf das einzelne Individuum aus. Sie kann auch auf der höheren Ebene der Gruppen und auf molekularer Ebene ablaufen.
Das kann zu Konflikten zwischen unterschiedlichen Selektionsebenen führen. Uneigennützigkeit (Altruismus) ist hierfür ein bekanntes Beispiel. Wer uneigennützig handelt, verbessert das Überleben der Gruppe, kann dadurch jedoch seine eigenen Überlebenschancen verringern. Uneigennützigkeit fördernde Merkmale sind zwar auf Gruppen-Ebene vorteilhaft, auf individueller Ebene dagegen nutzlos.
Die molekulare Selektionsebene wurde 1980 durch zwei Arbeiten in die Diskussion eingeführt (Doo-Little & Sapienza 1980; Orgel & Crick 1980). Die vier Wissenschaftler argumentierten, dass die Zelle selbst eine Umwelt darstellt. In dieser Umwelt könnten sich DNA-Abschnitte vervielfältigen, mutieren und deshalb weiterentwickeln, um leichter in diesem Umfeld zu überleben.
Bestimmte DNA-Segmente wie Transposons verdoppeln sich auf lange Sicht noch häufiger als ihre Zelle selbst. Ihre Existenz – und auch ihre verkümmerten Überreste – soll lückenlos durch die Selektion auf molekularer Ebene erklärbar sein: Es findet eine Auslese statt, die genau jene Abschnitte bevorzugt, die sich selbstständig im Erbgut kopieren können. Demzufolge erübrige sich "die eher indirekte Selektion auf Funktionen" der äußerlich sichtbaren Ebene.
Damit ist nicht gesagt, dass sämtliche "parasitären" Abschnitte immer funktionslos bleiben müssen, hin und wieder könnten auch Funktionen erlangt werden. Die Autoren halten aber fest, dass dies selten ist und verstreute sich wiederholende Sequenzen überwiegend niemals funktionell sein werden.
Inzwischen ist die Idee "parasitärer" DNA nach anfänglicher Uneinigkeit unter Wissenschaftlern weit verbreitet (Brookfield 1986; Comfort 1999, S. 151; Werren et al. 1988). Dementsprechend wurden ERVs oft als parasitär bezeichnet (Mims 1981; Varmus 1982).
Sequenzkonservierung
DNA-Abschnitte, die bei nicht näher verwandten Gruppen sehr ähnlich sind, werden von Evolutionsvertretern als „konserviert“ interpretiert. Nach evolutionstheoretischer Vorstellung sollen sie aufgrund ihrer Funktion seit ihrem gemeinsamen Vorfahren (nahezu) unverändert geblieben sein, da zu sehr veränderte Versionen als Nachteil ausselektiert wurden. Dieses Konzept hat tatsächlich die Erwartung funktionaler DNA-Abschnitte zur Folge.
Zwischenfazit
Die Grundannahmen der Evolutionsbiologie (Naturalismus und Abstammung mit Modifikation), sowie ihre beliebten Unterhypothesen (Neutralismus und das selektionistische Konzept parasitärer DNA) haben zu der Vorstellung geführt, das Erbgut sei überwiegend nutzlos. Dies gilt vor allem für Endogene Retroviren. Die Evolutionsbiologie führt "nur unter bestimmten Umständen" zur Erwartung funktionaler ERVs.
Bekannte ERV-Funktionen beim Menschen
Trotz entgegengesetzter Erwartungen erkennen Evolutionstheoretiker vermehrt an, "dass ERVs eine wichtige Rolle für ihre Träger spielen." Dies betrifft sowohl die auf Grundlage von ERVs produzierten Proteine, als auch lange (mind. 200 "Buchstaben" lang) nicht-codierende RNAs von ERVs, sowie in ERVs enthaltene regulatorische Abschnitte.
Im Online-Anhang sind 24 ERVs mit gut gesicherter und direkt experimentell beobachtbarer Funktion gelistet. Diese Liste stellt eine vorsichtige Zusammenstellung dar, denn es werden viele Fälle nicht genannt, in denen Hinweise auf eine Funktion noch nicht ausreichend bestätigt wurden.
Angesichts des Umstandes von etwa 750.000 ERVs im menschlichen Erbgut (Brattås et al. 2017), ist der Anteil anerkanntermaßen funktioneller ERV-Elemente mit einigen Hundert bis Tausend allerdings recht gering. Dabei wurden diese Funktionen überwiegend erst vor kurzem aufgedeckt, was bedeutet, dass sich die Forschung auf diesem Gebiet noch am Anfang befindet.
Ergänung von Dr. Peter Borger:
Der Molekularbiologe Dr. Peter Borger argumentiert, dass ERVs als Mechanismen für Variation, Adaptation und Artbildung konzipiert worden sein könnten
und nach dem Sündenfall als Teil des Fluches aktiviert wurden, indem sie auch zum Altern und Sterben beitragen.
Terborg P (2009) The Design of Life: Part 3 – An Introduction to Variation-Inducing Genetic Elements. Journal of Creation, 23/1, S. 99–106.
Borger P (2017) Darwin Revisited – or how to understand biology in the 21st century. Scholars' Press.
Begrenzter Beitrag der Evolutionsbiologie
Ausgehend von der Evolutionslehre gab es lange Zeit geringe Erwartungen an die Funktionalität von ERVs. Dies trug zur Annahme bei, das Erbgut bestehe größtenteils aus nutzloser Junk-DNA. Wohl deshalb wurden ERVs kaum auf mögliche Funktionen hin untersucht.
Teilweise wurde diese Entmutigung auch ausdrücklich geäußert. So hielten es Leslie Orgel und Francis Crick zwar für möglich, dass manche parasitäre Abschnitte Funktionen für den Wirt übernehmen könnten, betonten aber ihre Hypothese warne davor "für jedes Stück DNA, das sich in seiner Sequenz oder Position im Genom schnell verändert, nach einer besonderen Funktion zu suchen" (Orgel & Crick 1980, S. 607).
Auch Hari Krishan Jain war der Ansicht, dass "das Fehlen einer Funktion genau das ist, was man von einem großen Teil der überschüssigen DNA erwarten würde" (Jain 1980, S. 647). Entsprechend wurden nicht-kodierende DNA-Abschnitte „selten untersucht“ (Mortola & Long 2021), was zu unserer begrenzten Kenntnis des Ablesens (Umschreibung in weiter verwendete RNA) mobiler genetischer Elemente beitrug (Rebollo et al. 2012, S. 28).
Im Großen und Ganzen half die Evolutionsbiologie also nicht bei der Suche nach ERV-Funktionen. Schauen wir uns dazu die Beispiele aus dem Online-Anhang an. Die meisten Arbeiten enthalten zwar einige Anmerkungen zur Evolution der jeweiligen funktionellen Abschnitte, doch sie stehen überwiegend nur am Rande mit der Entdeckung der Funktion in Zusammenhang.
Die Annahmen und Hypothesen der Evolutionsbiologie führten nur in wenigen Fällen maßgeblich zur Entdeckung oder Bestätigung der direkt experimentell messbaren Funktion bestimmter DNA-Abschnitte. Zum Beispiel ist bei dem ERV SPAM1 ein Teil des Genabschnitts, der reguliert wie das Gen abgelesen wird, bei Mensch und Maus sehr ähnlich (Nr. 5 im Anhang). Deshalb wird er als "konserviert" gedeutet und wurde dementsprechend als Hinweis auf eine Funktion gesehen. Größtenteils kamen die Anstöße für Funktionsuntersuchungen von ERVs aber aus der Entwicklungs- und Molekularbiologie.
Eine Schöpfungsperspektive auf ERVs
Der Großteil der menschlichen ERVs ist auch beim Schimpansen und weiteren Primaten anzutreffen. Geht man von der biblischen Schöpfungslehre und dem schöpfungswissenschaftlichen Modell der Grundtypen aus, so ist es zweifelhaft, dass die gleichen Retroviren im Lauf der Zeit bei verschiedenen Grundtypen zufällig an den gleichen Stellen im Erbgut integriert wurden.
Anmerkung:
"Peter Borger, der mehrfach über ERVs publiziert hat (z.B. 2023b; 2025), hält es für möglich, dass es aktive Mechanismen zur gezielten Integration von ERVs an bestimmten Genorten geben könnte. Zur Erforschung dieser Thematik sollte man insbesondere verstärkt Long-Read-Sequenzierung, vergleichende Genomik und funktionelle Studien betreiben."
"Nach dem Schöpfungsmodell sollten daher m.E. die meisten ERVs Ergebnis direkter Schöpfung sein." Dementsprechend müssten, bzw. sollten sie dem Zweck einer biologischen Funktion dienen. Die letzte Welle von entdeckten ERV-Funktionen ist daher aus Schöpfungssicht nicht unerwartet. "Es ist zu erwarten, dass sich dieser Trend fortsetzen wird."
Allerdings genügt es nicht, Funktionen von ERVs nachzuweisen. Auch die Ähnlichkeit zu exogenen Retroviren muss erklärt werden. Diese Ähnlichkeit wird von einigen Schöpfungswissenschaftlern auf die Weise erklärt, dass exogene Retroviren in Wahrheit aus dem Körper "entflohene" Teile des geschaffenen Erbgutes sind. - Eben jene, die wir Endogene Retroviren nennen (Borger 2025).
Das ist sicher ein aussichtsreicher Erklärungsansatz für den Ursprung von Retroviren, es bleibt aber die Frage offen, weshalb diese ERVs Gene enthalten, die Retroviren für die Übersetzung und Integration ihres Erbgutes benötigen. - Und welchen Nutzen sie für uns Menschen haben.
Eine andere Erklärung der Ähnlichkeit könnte sein, dass Endogene Retroviren vor Infektionen durch exogene Retroviren schützen (Chiu & Vande-Woude 2021), was aber vermutlich nur auf wenige ERVs zutrifft. Darüber hinaus bleibt zu klären, aus welchem Grund ERVs Hinweise auf Einfügungsereignisse enthalten, wenn sie an ihren Stellen im Erbgut geschaffen wurden.
Vergleicht man ERVs von Menschen und Menschenaffen, so sind meist die menschlichen ERVs denen von Schimpansen am ähnlichsten, dann denen von Gorillas und die geringste Ähnlichkeit teilen sie mit ERVs von Orang-Utans. Das stimmt mit der gegenwärtigen evolutionären Stammbaumrekonstruktion überein (Jorritsma 2022; zu Problemen dieser Stammbaumvorstellung siehe Scholl 2022).
Um diesen Befund ohne gemeinsame Abstammung mit Schöpfung restlos zu erklären, müsste man eine funktionelle Bedeutung bis auf die Ebene der einzelnen "DNA-Buchstaben" (Nukleotide) nachweisen. Man müsste also zeigen, dass die Reihenfolge der einzelnen ERV-"Buchstaben" - woraus sich das zur Evolutionslehre passende Ähnlichkeitsmuster ergibt - bei Menschen und Menschenaffen jeweils funktionell bedingt ist und die betreffenden ERV-Sequenzen dementsprechend genauso geschaffen werden mussten.
Wenn z.B. Schimpansen und Menschen an einer Stelle, wo Mutationen nicht rein zufällig auftreten, den gleichen "Buchstaben" aufweisen und zugleich Gorillas und Orang-Utans dort einen anderen "Buchstaben" haben, nehmen manche Schöpfungswissenschaftler funktionelle Gründe für diesen Unterschied an.
Anders formuliert: "Im Schöpfungsmodell könnte man irgendeine Funktion erwarten." Im Gegensatz dazu glauben Evolutionstheoretiker, die meisten dieser Unterschiede würden funktionell keine Rolle spielen. Das Schöpfungsmodell sagt aber aufgrund der schöpfungstheoretisch durch den Sündenfall verursachten Degeneration weder voraus, dass aktuell alle ERVs funktionell sind, noch dass ihre frühere Funktion immer zu ermitteln ist.
Schlussfolgerungen
Die Evolutionslehre unterstützt aus verschiedenen Gründen die Idee eines überwiegend funktionslosen Erbgutes, vor allem bezogen auf Endogene Retroviren. Diese düstere Betrachtung von ERVs ist vermutlich verantwortlich für die lange Zeit fehlende Motivation nach Funktionen von diesen zu suchen.
Dennoch wurden in den letzten Jahren vermehrt Funktionen von Endogenen Retroviren nachgewiesen. Sollte diese Tendenz anhalten, wird dies bald für die Evolutionsbiologie problematisch werden.
Für das Schöpfungsmodell sind ERVs herausfordernd, da sie augenscheinlich Hinweise für eine schrittweise Entstehung beinhalten, statt eindeutig als von Beginn an fertiges Design erkennbar zu sein. "Als Merkmale von fertigem Design könnte man m.E. hingegen erwarten, dass ERVs hinsichtlich aller ihrer ursprünglich entworfenen Eigenschaften einem Zweck dienten."
Es bleiben jedoch zunächst einige Fragen offen:
Welchen Nutzen für den Menschen bieten oder boten die ERV-Gene zur Umschreibung und Integration des Virenerbgutes in tausenden menschlichen ERVs?
Welche Funktion erfüllen, bzw. erfüllten die kurzen gleichen Sequenzen (TSDs) am Anfang und Ende eines ERVs?
Welche funktionelle Relevanz besitzen einzelne "ERV-Buchstaben", die in Menschen und Schimpansen gleich sind, nicht aber bei anderen Menschenaffen?
Hier hat die (Schöpfungs-)Forschung noch viele offene Fragen zu klären.
Literatur:
Avise JC (2010) Footprints of nonsentient design inside the human genome. PNAS 107 (Suppl 2), 8969–8976.
Belshaw R & Tristem M (2009) Do humans have replication-competent endogenous retroviruses? Retrovirology 6 (Suppl. 2), P10, doi: 10.1186/1742-4690-6-S2-P10
Borger P (2021) Ganz oder gar nicht: Die sich teilende Zelle benötigt mindestens 492 Gene, Genesis-net-News vom 29.07.2021, https://genesis-net.de/n/293-0/.
Borger P (2023a) Hat sich die Minimalzelle weiter entwickelt? Genesis-net-News vom 08.09.2023, https://genesis-net.de/n/319-0/.
Borger P (2023b) Über den Entwurf des Lebens: Mobile genetische Elemente. Genetische Quellen der Anpassungsfähigkeit. Stud. Int. J. 30, 22–30.
Borger P (2025) Reassessing Viral Origins: From Escaped Genes to Degenerated Microbes. Pathogens 14, 1205
Brattås PL et al. (2017) TRIM28 controls a gene regulatory network based on endogenous retroviruses in human neural progenitor cells. Cell reports 18, 1-11.
Brookfield J (1986) The population biology of transposable elements. Phil. Trans. R. Soc. Lond. Series B, Biological Sciences 312, 217-226.
Chiu ES & Vande-Woude S (2021) Endogenous retroviruses drive resistance and promotion of exogenous retroviral homologs. Annu. Rev. Anim. Biosci. 9, 225-248.
Comfort NC (1999) "The Real Point is Control": The Reception of Barbara McClintock´s Controlling Elements. J Hist Biol. 32, 133-162.
Coyne JA (2010) Why Evolution is True. Penguin Books.
Darwin C (1859) On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life. John Murray.
Doo-Little WF & Sapienza C (1980) Selfish genes, the phenotype paradigm and genome evolution. Nature 284, 601-603.
Grandi N (2018) HERV-W group evolutionary history in non-human primates: characterization of HERV-W orthologs in Catarrhini and related ERV groups in Platyrrhini. BMC Evol. Biol. 18, 6.
Haeckel E (1876) The History of Creation: Or, the Development of the Earth and Its Inhabitants by the Action of Natural Causes (Vol. 1). Henry S. King & Co.
Jain H (1980) Incidental DNA. Nature 288, 647-648.
Jorritsma RN (2022) How well does evolution explain endogenous retroviruses? - A Lakatosian assessment. Viruses 14, 14.
Kimura M (1968) Evolutionary rate at the molecular level. Nature 217, 624-626.
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Mortola E & Long M (2021) Turning Junk into Us: How Genes Are Borne. American Scientist 109, 174-182.
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Scholl B (2022) "Totales Chaos": Unklare Abstammungsverhältnisse bei Menschenaffen und Menschen. W+W Special Paper B-22-2, https://www.wort-und-wissen.org/artikel/miozaene-affen/.
Varmus HE (1982) Form and function of retroviral pro-viruses. Science 216, 812-820.
Werren JH et al. (1988) Selfish genetic elements. Trends in Ecology & Evolution 3, 297-302.
Anmerkung:
Nach der Überzeugung von Dr. Peter Borger sind ERVs deutlich weniger problematisch für Schöpfung. Wer seine Argumente im Detail nachlesen möchte, kann dies hier tun:
https://creation.com/en/articles/human-octopus-convergence.pdf
https://creation.com/en/articles/viges-precision-tools-of-rapid-genetic-change.pdf
Borger P (2017) Darwin Revisited – or how to understand biology in the 21st century. Scholars' Press.





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